Website vermittelt Amerikanern, die an eine “Entrückung” glauben, Atheisten, die sich bei einer plötzlichen und massenhaften Aufnahme der Gerechten in den Himmel um ihre Haustiere kümmern

Geld verdienen mit Christen

Peter Mühlbauer 18.02.2010

Eine Website vermittelt Amerikanern, die an eine “Entrückung” glauben, Atheisten, die sich bei einer plötzlichen und massenhaften Aufnahme der Gerechten in den Himmel um ihre Haustiere kümmern

Das aus dem Lukasevangelium[1] und zwei[2] Paulusbriefen[3] abgeleitete Konzept der “Entrückung” (englisch: “Rapture”) besagt, dass bei der Wiederkunft Christi alle Gerechten mit einem Schlag in den Himmel aufgenommen werden, während die Sünder auf der Erde verbleiben. Bis zum 19. Jahrhundert spielte diese Vorstellung kaum eine Rolle – was in Europa auch heute noch so ist. In den USA dagegen entwickelte sie sich zu einem zentralen Punkt der Mythologie des dortigen Protestantismus und fand über den Left-Behind-Topos[4] auch Eingang in die Populärkultur.

Es wird geschätzt, dass 20 bis 40 Millionen US-Amerikaner glauben, die Entrückung geschehe noch zu ihren Lebzeiten. Anhand der Verbreitung dieser Vorstellung fragte sich Bart Centre, ein findiger Rentner aus New Hampshire, was wohl aus den Haustieren der gläubigen Christen wird, wenn Herrchen und Frauchen am Tag des Jüngsten Gerichts ganz plötzlich und ohne Testamentseröffnung in den Himmel einfahren. Ihre Freunde und Verwandten, gemeinhin ebenfalls gläubige Christen, können sie für diesen Fall nicht mit Pflegeaufgaben betrauen – denn die werden ja ebenfalls in den Himmel aufgenommen. Abhilfe bietet ein Konzept, wie es ultraorthodoxe Juden für den Sabbath erfunden haben: Weil ihnen an diesem Tag praktisch alles bis hin zum Einschalten des Lichts untersagt ist, beschäftigen sie so genannte Shabbes Goys[5] – Andersgläubige oder Atheisten, die gegen Geld verbotene Verrichtungen ausführen.

Foto: Tiare Scott. Lizenz: CC-BY 2.0

Centre gründete einen Dienst namens Eternal Earth-Bound Pets[6], in dem er die Vermittlung von Atheisten anbietet, die sich nach der Entrückung um die Haustiere der Christen kümmern. Centres Kunden zahlen 110 Dollar für eine zehn Jahre währende Garantie, dass ihr Haustier nach dem Jüngsten Gericht nicht an Nahrungsmangel verendet oder von anderen Haustieren aufgefressen wird. Hat ein Christ mehr als ein Haustier, dann kostet ihn die Versicherung für jedes weitere nur noch zusätzliche 15 Dollar.

Damit das Versprechen auch glaubhaft erscheint, versucht Centre als Gegenleistung ein landesweites Netzwerk von Atheisten aufzubauen, die Pflegschaften in Wohnortnähe übernehmen. Aber kann der Christ tatsächlich einem Gottlosen vertrauen? Centre begegnet dieser logischen Herausforderung damit, dass seine Tierbetreuer neben einem schriftlichen Bekenntnis zum Atheismus auch ein polizeiliches Führungszeugnis abgeben müssen, was sie zwar sündig genug für das Zurückgelassenwerden erscheinen lässt – aber auch anständig genug, um die eingegangene Tierpflegeverpflichtung zu erfüllen. Zudem prüft der Rentner, ob sie über Fahrzeuge verfügen, mit denen sie die Tiere abholen könnten.

Bis jetzt hat er nach eigenen Angaben 26 Pfleger in 22 Bundesstaaten an über 100 zahlende Kunden vermittelt. Angeblich ist das Rettungsnetzwerk so gestaltet, dass alle Tiere spätestens innerhalb von 24 Stunden erreicht werden können. Eine der Retterinnen, eine dreißigjährige Frau aus Oklahoma, die selbst zwei Hunde hält, vermittelte der Zeitschrift Business Week[7] offenbar glaubhaft den Eindruck, dass sie sich im Falle des Falles tatsächlich sofort bei Centre melden und die Adresse der von ihr zu betreuenden vier Hunde und zwei Katzen erfragen würde.

Centre selbst, der unter dem Pseudonym Dromedary Hump auch die Atheist Camel Chronicles[8] verfasste, in denen er ganz offen überlegt, wie sich die religiöse Hysterie anderer Leute in klingende Münze umwandeln lässt, geht freilich nicht davon aus, dass dieser Betreuungsfall je eintreten wird. Andernfalls, so der Rentner, würde er sehr viel mehr Geld für die Dienstleistung verlangen. Derzeit verkauft er nach eigenen Angaben keine Rettungsleistungen, sondern Seelenfrieden – für bloße 92 Cent im Monat, die wahrscheinlich keinem seiner Kunden wirklich wehtun.

Anhang

Links

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Artikel URL: http://www.heise.de/tp/artikel/32/32108/

Copyright © Telepolis, Heise Zeitschriften Verlag

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